DR. HAMID TAFAZOLI

Research Interests

Forschung


Narrative kultureller Transformationen

Das Projekt geht von der Annahme über die globale Erfahrung des Menschen als Grenzgänger-Phänomens aus und diskutiert das Individuum und dessen Erfahrungen im Diskurs der deutschsprachigen Literatur seit den beginnenden 1980er Jahren. Im Zentrum stehen zum einen die Gestaltungsmodi einer Figur, die in ihrem Entwicklungsverlauf diejenigen Veränderungsprozesse offenlegen, in denen sich die Figur selbst bewegt. Ferner reflektieren diese Gestaltungsmodi die Transformationen des Kulturellen, die der Grenzgänger-Figur als Herausforderung begegnen. Diese Transformationen werden an den Narrativen der Identität, Heimat, Europa und Sprache besprochen. Die Analyse verläuft auf zwei theoretischen Ebenen: der Kultur- und Literaturtheorie.


PublikationNarrative kultureller Transformationen. Zu interkulturellen Schreibweisen in der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart, Bielefeld: transcript 2019.



Flüchtlingsfiguren im kulturellen Gedächtnis Europas

Die bundesrepublikanische den Flüchtlingen gegenüber sorgt spätestens seit dem Sommer 2015 für ein gesamteuropäisches Unbehagen. Europa, heißt es populistisch, drohe auseinanderzubrechen. Vergleichsweise schnell hat die deutschsprachige Literatur die Flüchtlingsfigur für sich entdeckt und sie im europäischen Kontext verortet. Mit der literarischen Verortung dieser Figur im kulturellen Gedächtnis Europas befasst sich das Forschungsprojekt und exemplifiziert sein Ergebnis an den Romanen von Jenny Erpenbeck, Dorothee Elmiger und Abbas Khider. Das herausragende ästhetische Kriterium dieser Flüchtlingsfigur ist ihr Reflexionsvermögen. In der Erzählwelt tritt sie einerseits als eine normbewegende Instanz, andererseits als ein Reflektor der deutschen Geschichte.


Publikation,Flüchtlingsfiguren im kulturellen Gedächtnis Europas. Konstruktionen einer Grenzfigur in den Romanen „Schlafgänger“, „Ohrfeige“ und „Gehen, ging, gegangen“‘, in: Weimarer Beiträge 64.2 (2018), S. 222-243.



Literarische Konzeptionen gesellschaftlicher Ordnung und individueller Liebe in Fontanes Romanen

In 2019 jährte sich Fontanes Geburtstag zum 200. Mal. Warum man heute noch Fontane lesen sollte, ist die Ausschlag gebende Frage des Forschungsprojekts. Allgemein vorausgeschickt: Die Globalisierung fordert das Nachdenken über das Grundsätzliche. Gleiches tat auch das Zeitalter der Industrialisierung. Und um das Grundsätzliche, Moralische, Verbotene und Normative ging es auch Fontane. Dieses Grundsätzliche spiegelt sich in der Tatsache wider, wie es um das Verhältnis der gesellschaftlichen Regeln zum Leben des Einzelnen steht – in der Frage des Sich-Identifizierens und der Identitätszuweisung, wie sie etwa von Stuart Hall gestellt wird. Dieses Verhältnis ist in den kulturellen Umbruchsphasen Herausforderungen ausgesetzt. Die gesellschaftlich geforderte und politisch motivierte „Ehe für alle“ (2017) lässt das Verhältnis der gesellschaftlichen Regeln zum Leben des Einzelnen keineswegs unberührt. Kulturhistorisch betrachtet gab es entscheidende Phasen, in denen dieses Verhältnis auf Probe gestellt wurde. Dies beleuchten auch Flauberts Madam Bovary (1857), Tolstois Anna Karenina (1877-78) und Fontanes Effi Briest (1896). Das Forschungsprojekt diskutiert die zentralen Aspekte im literarischen Diskurs des Verhältnisses von Gesellschaft und Individuum und verbindet mit ihm auch die Frag nach der Aktualität von Fontane in unserer Gegenwart.


Publikation: Tafazoli, H.: „Die Welt ist einmal, wie sie ist“. Literarische Konzeptionen gesellschaftlicher Ordnung und individueller Liebe in Fontanes Romanen, in: Literatur für Leser 18.1, (2020), S. 33-48.



Heterotopien in Kultur und Gesellschaft

Literarische Texte und Film als ästhetische Orte zur Beschreibung der Andersartigkeit stehen hier im Mittelpunkt des Interesses und werden u.a. als Möglichkeit zur Darstellung von u.a. kulturellen Differenzen behandelt. Basierend auf der Erkenntnis, dass kulturelle Grenzen keineswegs mit geographischen, politischen und nationalen Grenzen identisch sind, werden Literatur und Film nach wie vor als Medien kultureller Identitätsbildung aufgefasst, jedoch mit dem Unterschied, dass diese Identität durch mehrere unterschiedliche Parameter und nicht eindimensional gebildet wird. Die ästhetische Dimension von Kultur und Identität findet in Literatur und Film als Medium ihre äußere Verdichtung. Die Generalfrage, die hier zugrunde gelegt wurde, lautet deshalb, welche Rolle diese Medien bei dem Zusammenspiel von Kultur und Identitätsbildung spielen. Sind Literatur und Film Medien der Repräsentation außerliterarischer Welten, oder soll sich das Interesse nach dem Zusammenhang zwischen Konfiguration und Refiguration richten und Literatur und Film als Medien der Konstruktion von Kultur und Identität erscheinen lassen? Welche Funktion kann Literatur für die Herausbildung, Modellierung, Veränderung, Destruktion und Neubildung von Kultur und Identität erfüllen? An diesen Fragen orientiert, werden die Mischungsverhältnisse in der Kultur, Gesellschaft und Kunst im Rahmen von Michel Foucaults Heterotopie-Konzept diskutieren.


Publication: Tafazoli, H.; Gray, Richard T. (Hrsg.): Außenraum – Mitraum – Innenraum. Heterotopien in Kultur und Gesellschaft, Aisthesis, Bielefeld, 2012.



Literarische Gedächtnis- und Erinnerungsarbeit

Die ästhetische Dimension von Erinnerung und Identität findet im Medium der Literatur ihre äußere Verdichtung. Die Ästhetisierung von Lebenserfahrungen vollzieht sich in Autobiographie als literarischer Gattung. Literatur wird traditionellerweise als etwas definiert, was von fiktiven Ereignissen und Personen handelt und deshalb mit der historischen Realität kaum zusammenhängt. Von der Autobiographie hingegen wird die Wahrheit des Erzählten in der nicht-fiktiven Welt erwartet. Dies leitet zu Überlegungen über die Fiktionalität und Authentizität sowie zu ihrer in der Tradition der Autobiographie-Forschung angenommenen Opposition. Das literarische Verfahren – die Poetisierung der Lebensgeschichte – steht im Zentrum des Projekts. Dabei ist die Schnittstelle von Literatur, Erinnerung und Identität hervorzuheben. Ausgegangen wird von Fragen danach: Wie vollzieht sich der Erinnerungsprozess in literarischen Texten und welchen Wert haben Erinnerungen für das kulturelle Gedächtnis? Können Rückschlüsse durch die Untersuchung literarischer Texte auf die Gedächtnis- und Identitätsdiskurse ihrer Entstehungszeit gezogen werden? Wie verweisen textuelle Konfigurationen auf ihre erinnerungskulturellen Präfigurationen? Welche Rolle spielen literarische Texte bei dem Zusammenspiel von Erinnerung und Identitätsbildung.

 

Publications: Tafazoli, H.: „Formen von Gedächtnis und Erinnerung in Beim Häuten der Zwiebel und Die Box“, German Quarterly 85.3 (Summer 2012), pp. 328-349.

Tafazoli, H.: „,Der Vergangenheit Sonnenstrahl‘. Erinnerungsarbeit und Identitätsbildung in Werthers Schreiben“, in: Literatur für Leser 12.1 (2012), pp. 1-16.

Tafazoli, H.: „Erinnerungskultur und antike Identitätsmuster. Herders Mythologisierung der Monumente von Persepolis“, in: Herder Jahrbuch X, 2010, pp. 83-112.



Der deutsche Persien-Diskurs

Bei diesem Projekt handelt es sich um mein Dissertationsprojekt. Hier habe ich versucht, im Rahmen der Diskurstheorie das Entstehen eines Persien-Bildes in Europa mit einem Blick auf Deutschland von der Frühen Neuzeit bis in das 19. Jahrhundert zu ermitteln. Dabei stehen Reiseberichte sowie andere literarische Texte (Lyrik, Drama etc.) im Vordergrund. Das Persien-Bild in der deutschen Literatur erweist sich im europäischen Kontext der frühen Neuzeit als eine Erscheinung, die ihre Schwerpunkte in merkantilen und moralisch-geistigen Prozessen hat. Sie werden hier aus kulturwissenschaftlicher Sicht erforscht. Als ebenfalls unerforscht galt Persien bisher in den Studien der Komparatistik, obschon dieses Land und seine Kultur in der Kultur- und Geistesgeschichte Deutschlands frappierende Spuren hinterlassen haben. Ich habe nachgewiesen, dass das Zeitalter, in dem sich unser Denken in das Globale weitet, dem Grundgedanken der Aufklärung folgt, jedoch in einer anderen Dimension. Im Schrifttum des 18. Jahrhunderts nämlich bereitete Persien der Idee einer ästhetischen ‚Weltvereinigung‘ einen fruchtbaren Boden. Heute sprechen wir von Interkulturalität und Transkulturalität, von Nationalität und Internationalität. Und dennoch stehen wir vor der Frage nach dem Eigenen und dem Fremden – nach Alterität und Identität. Unbedacht wird nach dem utopischen Raum gesucht, an dem sich das Eigene und das Fremde zu einem globalen Ganzen fügen. Wir suchen aber das Fremde, indem wir zu uns finden. Diese Reise geht nicht allein in die fern liegende Fremde, sondern auch in das unbekannte Eigene, das aber weniger im Reisenden selbst zum Tragen kommt als vielmehr im Raum der Ferne, den er bereist.


Publication: Tafazoli, H.: Der deutsche Persien-Diskurs. Zur Verwissenschaftlichung und Literarisierung des Persien-Bildes im deutschen Schrifttum von der frühen Neuzeit bis in das neunzehnte Jahrhundert, Aisthesis, Bielefeld, 2007.



Lehre


Neuere deutsche Literaturwissenschaft

Germanistische Interkulturalitätsforschung

Postkoloniale Studien

Literatur- und Medientheorie

Reiseberichtforschung

Erzähltheorie


  • Seminar, Sommer 2020: Einführung in die Grundlagen der germanistischen Interkulturalitätsforschung


  • Seminar, Sommer 2019: Einführung in die Postkolonialen Studien der germanistischen Literaturiwssenschaft


  • Seminar, Winter 2018/2019: Einführung in die Grundlagen der germanistischen Interkulturalitätsforschung


  • Seminar, Sommer 2018: Einführung in die Postkolonialen Studien der germanistischen Literaturiwssenschaft
  • Seminar, Winter 2017/2018: Einführung in die Grundlagen der germanistischen Interkulturalitätsforschung


  • Seminar, Sommer 2017: Einführung in die Postkolonialen Studien der germanistischen Literaturiwssenschaft


  • Seminar, Winter 2016/2017: Flucht, Migration und ,der Untergang des Abendlandes‘


  • Seminar, Sommer 2016: Einführung in die Grundlagen der germanistischen Interkulturalitätsforschung


  • Seminar, Winter 2015/2016: Das Ich in autobiographischem Schreiben


  • Seminar, Sommer 2015: Familiennarrative in Literatur und Film der Gegenwart


  • Seminar, Winter 2014/2015: Das Rätsel des Fremden


  • Ph.D. Colloquium, Sommer 2014: Challenges of Cultural Encounters, University of Strasbourg, with Christine Maillard (University of Strasbourg) & Ursula Renner-Henke (University of Duisburg-Essen)


  • Seminar, Sommer 2014: Der Autor SAID


  • Seminar, Winter 2013/2014: Repräsentationen von Stereotypen im literarischen Diskurs der Gegenwart


  • Seminar, Sommer 2013: Sprachen der Grenze - Grenzen der Sprache


  • Seminar, Winter 2012/2013: Identitätskonflikte und Identitäsbildungen in der Gegenwartsliteratur


  • Seminar, Sommer 2012:

- Migrationsliteratur? Eine Einführung

- Heimat denken, Heimat sprechen, Heimat verorten


  • Seminar, Sommer 2011: Formen von Gedächtnis und Erinnerung in Günter Grass' autobiographischem Werk



German Literature,

Comparative Studies,

Persian and Iranian Studies

 

  • Habilitation, University of Bielefeld, venia legendi: Germanistik, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, 2017


  • Promotion, University of Münster, 2006

 

  • Certificat, Teaching German as a Second Language, University of Kassel, Goethe-Institute, 2003

 

  • MA, University of Münster, 2000